Ein Jahr “Willkommen Mensch! in Wien West”!

Am Anfang war die Begeisterung: Tausende Menschen in Österreich halfen Menschen auf der Flucht. Und auch im Westen von Wien, in der Siedlund Kordon, traf sich eine Gruppe, um für Flüchtlinge aktiv zu werden. Do wo sollten wir ansetzen? Bald war klar: Nach der ersten akuten Hilfe war es wichtig, den Flüchtenden beim Ankommen zu helfen. So setzten wir unser gemeinsames Ziel:  Wir wollen 10 Personen bei uns Unterkunft und eine Gemeinschaft bieten. Mit Unterstützung von Pfarre und  Nachbarschaftszentrum gründeten wir den Verein „Willkommen Mensch! in Wien-West“ und fanden viele Unterstützer. Das Weihnachtswunder 2015 war, dass wir in kurzer Zeit genug Spenden erhielten, um mindestens zwei Wohnungen anzumieten, um sie vergünstigt Familien auf der Flucht in Untermiete zu nehmen.

Nach der ersten Freude begann die vielleicht schwierigste Zeit für den Verein. Von November bis Februar durchsuchten wir Internetanzeigen, konsultierten Makler und besichtigten mehr als duzend Objekte. Doch die öffentliche Stimmung kippte: Die Anschläge in Paris im November 2015 und die Belästigungen in der folgenden Sylvesternacht zerschlugen die Willkommenskultur. Wir mussten feststellen, dass Eigentümer kaum bereit waren, ihre Wohnung an einen Flüchtlingsverein zu vermieten – und das, obwohl wir volle finanzielle Sicherheit boten. Wie konnte es sein, dass wir genug Spenden hatten aber niemand bereit war, an uns zu vermieten?

Doch dann wendete sich das Blatt: Im Februar erhielten wir endlich die erste Zusage für eine Wohnung im 14. Bezirk! Und fast zeitgleich meldet sich der Diakon der Pfarre Kordon, dass ihm eine Familie auf der Flucht zugetragen wurde – und zwar vom Pfarrer der evangelischen Trinitatskirche. Der wiederum war im Kontakt mit einem Diakon der koptischen Kirche in Wien. So arbeiteten drei  Kirchen zusammen und wir lernten unsere erste Familie kennen.

Und eigenartig: Ab dann ging uns die Wohnungssuche auf einmal leicht von der Hand und es wird uns eine große Wohnung in Hütteldorf angeboten. Nachdem es sich beim ersten Mal die passende Familie zur passenden Wohnung sehr einfach fügte, standen wir beim zweiten Mal vor einer Herausforderung: Wie sollten wir die passende Familie finden? Wir fragten bei Rotem Kreuz und Caritas, ob gerade Familien in ihrer Obhut wären, die eine permanente Bleibe suchten. Wir bekamen einige Vorschläge. Und wir fanden uns plötzlich in der Situation aus einer Liste an Familien eine wählen zu müssen. Das war unangenehm – denn nach welchen Kriterien soll so etwas entschieden werden? Wir begannen abzuwägen: Wie kann die Wohnung optimal belegt werden? Wie kann sicher gestellt werden, dass das Familieneinkommen für die vergünstigte Untermiete reicht, damit das finanzielle Risiko für den Verein ausgewogen bleibt? Viele aktive Mitglieder im Verein haben kleine Kinder – wenn die Flüchtlingsfamilien auch Kinder in diesem Alter haben, ergeben sich vielleicht mehr Gemeinsamkeiten? Schließlich trafen wir eine syrische Familie. Die dreizehnjährige Tochter – eine der besten Schülerinnen ihre Klasse im achten Bezirk – übersetzte uns, dass die Familie einem Mietbetrug zum Opfer gefallen war. Sie mussten die bestehende Wohnung Ende Mai räumen – mit fünf Kindern, die Mutter hochschwanger. Die Rührung des Vaters, als wir ihm unsere Hilfe zusagten, beschämte uns. Und dann schafften wir das Unmögliche: Binnen einer Woche wurden uns so viele Möbel gespendet, dass die Wohnung bezugsfertig war. Und nur wenige Tage später kam Tochter Maria auf die Welt.
In der Zwischenzeit waren wir auch schon geübt in der Betreuung der Familien. Neben den beiden Familien, die bei unserem Verein in Untermiete waren, halfen wir auch zwei jungen Flüchtlingsfamilien, die privat in der Siedlung Kordon untergebracht waren, beim Deutsch lernen oder bei Arztbesuchen und wir banden sie in die Kinderspielgruppe der Pfarre ein. Als sich bei einer der beiden Familien Zuwachs ankündigte und die bestehende Bleibe zu klein wurde, fanden wir im Juli in kurzer Zeit eine Wohnung in der Nähe der Kennedybrücke im 14. Bezirk. Wiederum fand sich eine Eigentümerin, die gerne bereit war, an uns als Flüchtlingsverein zu vermieten. Sohn Jousef kam im August zur Welt. Unser zweites „Willkommen-Mensch-Baby“, das in einem sicheren Land fernab vom Krieg das Licht der Welt erblickte.

Auch zum gemeinsamen Feiern gab es 2016 ausreichend Gelegenheit. Im Juni 2016 gab es unser großes „Willkommensfest“. Mehr als 50 Personen kamen und konnten so die vier Familien kennen lernen, die wir betreuen. Neben persönlichen Besuchen gibt es einmal im Monat einen Event in kleinerer Runde, bei dem Unterstützer des Vereins gemeinsam etwas mit den betreuten Familien unternehmen: ein Besuch im Zoo, eine Wanderung zur Rieglerhütte, ein Besuch beim Christkindlmarkt… So lernen wir uns besser kennen und unsere Freunde entdecken neue Seiten unserer Stadt Wien.

Unser erstes Ziel war es, 10 Menschen auf der Flucht zu unterstützen. Wir freuen uns, dass wir dieses Vorhaben mehr als erreicht haben. Denn mittlerweile helfen wir in den vier Familien insgesamt 20 Personen. Was bringt die Zukunft für „Willkommen Mensch! in Wien-West“? Wir wollen unseren Familien weiter helfen, in Wien gut anzukommen, die Menschen hier und unsere Stadt kennen und lieben zu lernen. Nachdem viele der betreuten Flüchtlinge ihre Deutschkurse absolvieren, wird bald die Hilfe bei der Arbeitssuche neu auf unsere Agenda kommen. Und – ja – wir sind derzeit auch bereits in Verhandlung für eine weitere Wohnung 😉

 

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